Inklusion an der Schule: «Wir müssen vorleben, dass Inklusion normal ist!»

Judith Burkhalter: Für mich ist es etwas seltsam, Inklusion als ein Problem zu sehen. Ich betrachte es eher so: Inklusion ist eigentlich etwas ganz Natürliches, alle Menschen gehören zur Gemeinschaft dazu. Wenn es eine Herausforderung im Zusammenleben gibt, suchen wir einen Weg. Als Lehrerin muss ich diesen Weg nicht nur bei Behinderungen und Krankheiten suchen, sondern ganz generell täglich bei allen möglichen Dingen.

Ich würde mir schon eine bessere Verteilung der Ressourcen wünschen. Aktuell ist es so, dass es für Kinder mit Behinderung in einer Sonderschule oft mehr Assistenz und eine barrierefreie Infrastruktur gibt. Während wir hier nach wie vor Räume haben, die nicht erreichbar sind und als Lehrerteam einen Zusatzeffort erbringen. Diese Strukturen verleiten aus meiner Sicht dazu, Kinder mit Behinderungen eher im Sonderschulsetting zu beschulen. 

Unser Motto Bottom Up bezieht sich auf alles: überwundene Höhenmeter auf unserer Wanderung, das persönliche Wachstum der jungen Menschen und den Weg vom Schulhaus in die Welt hinaus. Es ist eine Bewegung von unten nach oben. Bezüglich Inklusion wollen wir zeigen: «Zusammen ist alles realisierbar». Wir müssen vorleben, dass Inklusion normal ist, es soll auch keine Sensation sein. Und: Zusammen unterwegs sein macht auch Spass!

Es sind eigentlich dieselben Dinge, die für mich auch sonst als Pädagogin gelten. Ich mag Menschen. Wir haben auch einmal im Team festgehalten, welche Eigenschaften wir als Team leben wollen. Und wir kamen zum Schluss, dass es Mut ist. Und auch da haben wir nochmals definiert, was das genau bedeutet. Für uns bedeutet Mut: M wie miteinander, U wie unkonventionell und T für tun.

Der Übertritt in die Berufswelt ist für viele Schüler:innen herausfordernd. Ich habe in der Praxis erlebt, wie er für Jugendliche mit Behinderungen noch einmal deutlich schwieriger ist. Manchmal ist es einfacher, eine Lehre in einer geschützten Institution zu absolvieren. Und dies nicht aufgrund der Intelligenz oder Eignung der Jugendlichen, sondern weil die Zugänglichkeit und die Offenheit für Menschen mit Behinderungen in den Betrieben fehlt.

Eigentlich sollte man sich diese Frage gar nicht erst stellen müssen, denn ich stelle sie auch sonst bei keinem meiner Schüler:innen. Schule ist keine Kosten-Nutzen-Rechnung, wir reden von Menschen. Solche Fragen sind oft nicht böse gemeint, aber aus der Sicht einer privilegierten Haltung, dass im eigenen Leben nie etwas schief gehen kann.

Ich glaube aber, dass die Schüler:innen dieser Klasse miterleben, dass man auch mit einer Krankheit oder Behinderung Teil der Gemeinschaft bleibt und daraus Zuversicht für sich selbst schöpfen. Sie erleben auch, dass es mir als Lehrerin nicht egal ist, was mit ihnen passiert. Weder während den drei Schuljahren, die sie bei uns sind, noch wenn sie uns verlassen.

Aktuell ist Inklusion für meine Schüler:innen nichts, worüber sie sich besonders viele Gedanken machen, es ist eher eine Selbstverständlichkeit, mit der sie gut leben. Ich finde sie machen das grossartig im Umgang mit ihrem Mitschüler, der muskelerkrankt ist. Sie unterstützen ihn bei einzelnen Handreichungen, aber bemuttern ihn nicht. Er ist einer von ihnen.